Der Akademiker ist das Kapital

In Frankfurt lädt ein “Exzellenzcluster” zur geisteswissenschaftlichen Lebensberatung

Dominique Goubelle

Der zeitgenössische Akademiker hat es nicht leicht, denn: “Wir leben in einer Zeit radikaler Umbrüche, von denen wir heute kaum abschätzen können, welchen Ausgang sie nehmen.” Es stellt sich die Frage, “[…]wie die Verunsicherungen der Zeit bewältigen?” Aber keine Bange, “ob empört, unzufrieden oder wissbegierig, ein persönliches Gespräch hilft oft weiter.”

Zu diesem Zweck “eröffnet der Frankfurter Kunstverein zusammen mit dem Exzellenzcluster Die Herausbildung normativer Ordnungen und dem Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main (PIA) das Amt für Umbruchsbewältigung [ 1 ] [!]. Mit dem AMT bringt der Exzellenzcluster sein Wissen mitten auf den Römer. Rund vierzig Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beziehen für drei Tage die Amtsstuben des PIA und bieten den Besuchern die einmalige Gelegenheit, sich in zwanzigminütigen Einzelgesprächen zu den Umbrüchen unserer Zeit persönlich beraten zu lassen.” [ 2 ]

In diesen Erbauungsgesprächen für verunsicherte Wutbürger [ 3 ] , lädt u.a. Axel Honneth zur soziologischen Blitz-Therapie. Es drängt nun mal nach Antworten “in einer von Krisen und Umbrüchen geschüttelten Welt […] auf so brennende Fragen […] wie: Warum sollte man moralisch sein? Warum gibt es Strafe? Was heißt Gerechtigkeit? Oder welche Rolle spielt Anerkennung im Arbeitsleben? Passend zu den etwas unruhigen und unsicher machenden Zeiten heißt dieses weltweit vermutlich einmalige Amt: Amt für Umbruchsbewältigung. Für Fragen zur Revolution in den arabischen Ländern findet man hier Ansprechpartner aber auch zur Wirtschaftskrise und der Zukunft des Neoliberalismus. Antworten geben ausgewiesene Experten und Wissenschaftler von nationaler und internationaler Reputation.” [ 4 ]

Dass, man kann es sich denken, der deutsche Zivilisationsbruch mit keiner Silbe in den zahlreichen Ankündigungen der Veranstaltungsreihe, in denen es vor “Umbrüchen” nur so wimmelt, erwähnt wird, ist symptomatisch, sei hier aber des Anstandes halber erwähnt. Es ist doch bemerkenswert, dass man unter Akademikern davon auszugehen scheint, Gesellschaft ließe sich heute unabhängig von Auschwitz denken. In der “Forschung” des Clusters spielt das Thema nämlich, wenn überhaupt, nur eine sehr marginale Rolle und würde in der akademischen Betriebsamkeit wohl etwas störend wirken. Man beschäftigt sich schließlich mit “der Gegenwart”. Die “normativen” Nürnberger Rassegesetze liegen ja auch schon eine Weile zurück, damit lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen.

All das oben zitierte ist durchaus ernst gemeint und wörtlich zu nehmen, wenn auch der formale Aufbau des “AMTs” eine gewisse Ironie erkennen lassen soll. Das wirkt irgendwie unangepasst und kritisch, ganz zufällig kann man sich im Nachhinein auch auf eben diese “Ironie” herausreden. Bei einem persönlichen Besuch und der Unmöglichkeit, das System der Terminvergabe rational nachzuvollziehen bekam der Autor die Antwort: “So ist das nun mal auf dem Amt.” Welch Ironie. Wieder ganz zufällig, aber wohl doch unfreiwillig bedient man damit, keck und aufgeweckt wie man sich gibt, nebenher das kleinbürgerliche Ressentiment gegen die “Bürokratenkaste”, denn die “Mitarbeiter” des “AMTs” gefielen sich persönlich augenscheinlich in der Funktion, endlich auch mal selbst Amt spielen zu dürfen. Dabei dürfte die Ironie die Rolle spielen, die ihr auch bei dem heutigen “unverkrampften” Umgang der Deutschen mit ihrer unrühmlichen Vergangenheit zukommt. Man geht irgendwie ganz locker mit der Sache um, alles scheint von einem nicht-so-meinenden Augenzwinkern begleitet und die verpönten “deutschen Tugenden” werden durch die postmoderne Hintertür in neuer Form wieder spielerisch integriert, was im Resultat einfach nur dämlich wirkt.

Den anschließenden Gesprächen, vorausgesetzt, man lässt als “Kunde” des “AMTs” die nötige Ernsthaftigkeit erkennen [ 5 ] , eignet ein durchaus um Seriosität bemühter Charakter. In einer krisengeschüttelten Welt sucht man die Nähe des Vier-Augen-Gesprächs. Droht einem die Wirklichkeit zu entgleiten und könnte man in den Ruf geraten, im Elfenbeinturm zu philosophieren oder durch zu unliebsame Kritik den Kontakt zu “den Menschen” zu verlieren, gibt man sich volksnah und lädt den Bürger zum Zwiegespräch. Denn wichtig soll anscheinend vor allem Inhalt die echte, authentische Beziehung zum Anderen sein. Auf dem vor einem Gespräch auszufüllenden “Selbstauskunftsbogen” reichten dann, das sei noch erwähnt, die anzukreuzenden Abschlüsse nur von “Realschule” bis “Hochschule”. In der Welt der Experten hat ja sowieso jeder Abitur, was soll man auch mit der deklassierten Unterschicht über das Weltgeschehen reden? Die überlässt man lieber der professionellen Elendsverwaltung durch Sozialarbeit und Arbeitsamt. [ 6 ] Man möchte eben unter seinesgleichen bleiben, irgendwo hat die Volksnähe schließlich auch ihre Grenzen. Schlimm genug, dass man selbst ständig vom Abrutschen ins Prekariat bedroht ist, aber immerhin hat man noch den Bildungsvorsprung.

Selbst als ausgefuchster Akademiker auf der Höhe der Zeit, als der man gewohnt ist, mit den auf dem Markt der Halbbildung dargebotenen Theorien zu jonglieren und auf immer neue spannende Fragen noch neuere und spannendere Antworten zu geben, ist es einem doch irgendwie mulmig zu mute. Zwischen Lehrauftrag, Existenzclusterforschung und selbstverständlich auch ein bisschen Kunst, drängt sich doch immer wieder die Ahnung der Überflüssigkeit seiner selbst und des eigenen Tuns auf und dass es in der Welt nicht mit rechten Dingen zugeht. Trotz ausdauernder und zermürbender Theorieaneignung versteht man die Welt nicht mehr. Dabei ist die Soziologie doch, das hat man gelernt, die Wissenschaft der Gesellschaft. Und dennoch machen die Leute, was sie wollen; campieren vor Zentralbanken, spielen nicht nur an Karneval Piraten, stürzen Despoten um eine jetzt endlich gerechtere Herrschaft zu errichten und immer wieder: demonstrieren gegen die “Finanzkrise”, obwohl man doch dachte, mit dem jahrelang mühselig antrainierten Begriffsapparat wäre man auf alles vorbereitet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich tatsächlich um neuartige, unverstandene Phänomene handelt oder man nur so tun muss, um dann wieder etwas scheinbar erklären zu können und Konferenzen zu veranstalten. Denn den Anspruch, alle “Umbrüche” erklären zu können, und das heißt beim Akademiker immer: die Wirklichkeit gewaltsam unter den Begriff zu zwingen, hat man allemal.

Vor allem aber will auch die eigene allzu oft prekäre Existenz gesichert sein - ohne entsprechende zeitweilige “Innovationen” in der Theorieproduktion bleiben auch die Fördergelder aus, also wird die Kreativitätsmühle beständig gedreht. Damit stellen die “Exzellenzcluster” voll und ganz die Verwirklichung der “neoliberalen Universität” (Gerhard Stapelfeldt), und der Strategie “[…] das Europa der Europäischen Union bis zum Jahre 2010 in den größten, “wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt” (Lissabon-Strategie, März 2000) zu verwandeln” [ 7 ] , dar. Ein Prozess, der freilich nie so recht an sein Ende gelangen wird und augenscheinlich auch bis zum Jahr 2010 nicht zur erhofften internationalen Vormachtstellung verhalf, zumal nun noch die “Euro-Krise” in die Quere kam, wobei natürlich über eben diese jetzt auch wieder ganz viel “geforscht” werden kann. Es geht also um nichts anderes als eben um das adäquateste (d.h. nützlichste, verwertbarste) “Wissen”: “Weil die Wissensgesellschaft, die sich auch in den Universitäten institutionalisiert, den Wettbewerb und den Sieg im Wettbewerb zum Fetisch erhoben hat, hat sie die ‘Exzellenz’ zum Fetisch erhoben.” [ 8 ] Das würde ein Frankfurter “Exzellenzcluster” so nie zugeben, denn man versteht sich schon irgendwie immer noch als kritisch, man sieht “[…] die erwähnten Prozesse und Konflikte nicht nur als Fakten und funktionalistisch zu beschreibende Phänomene an; [man fragt, D.G.] vielmehr nach den normativen Vorstellungen, die dabei eine Rolle spielen […]”. Man will sogar etwas verändern, es geht um nichts Geringeres als “[…] um eine gerechte Ordnung der Gesellschaft in Zeiten der “Globalisierung” [ 9 ] , also bessere, weil gerechtere Herrschaft. Das weiß man auch, schließlich “[dienen] Normative Ordnungen der Rechtfertigung von Ansprüchen auf Geltung und, darauf gestützt, auf Herrschaft und eine bestimmte Verteilung von Gütern und Lebenschancen. […] Jedoch weist jedes tradierte Rechtfertigungsnarrativ immer zugleich über die Faktizität einer bestehenden Ordnung hinaus und bietet so Anknüpfungspunkte für Kritik, Zurückweisung oder auch Widerstand.” [ 10 ] Mit grundsätzlichen Änderungen bestehender Ordnungen ist es dann so eine Sache. Diese scheint man nur noch “unterdrückten Völkern” und deren Streben für eine gerechte “Volksdemokratie” zuzubilligen, wie die Veranstaltungen zur “Arabellion” nahelegen. Dort, wo schon “Demokratie” herrscht, ist die Welt ja soweit in Ordnung. Lediglich auf ein paar normative Korrekturen angesichts der Auswüchse von Globalisierung und Finanzkrise legt man Wert.

Vor Ort, in Deutschland, kennt man sich mit basisdemokratischen Volksherrschaften aus und steht beratend gerne zur Seite. Mit Kritik an der formalen, weil postnazistischen, Demokratie [ 11 ] hierzulande nimmt man es dementsprechend nicht mehr so genau, denn schließlich würde der deutsche Souverän dann keine Spesen für die Forschung, das heißt den akademischen Lebensunterhalt, springen lassen.

Eine gemäßigt “kritische” Attitüde jedoch kommt in Zeiten “globalen Protests” super an, ist aber am Ende doch nur: Wettbewerbsvorteil. Im Bundesministerium für Bildung und Forschung und dessen “Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder”, aus dessen Töpfen die diversen “Cluster” ihre Gelder erhalten, macht man sich hingegen weniger Illusionen um deren Funktion: “Bund und Länder wollen mit der Fortsetzung der Exzellenzinitiative den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig stärken, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern und Spitzenforschung an deutschen Hochschulen sichtbar machen.” [ 12 ] Immerhin wurden u.a. zur Weitergabe an die bundesweiten “Exzellenzcluster” “hierzu von 2006 bis 2011 insgesamt 1,9 Milliarden Euro” bereitgestellt und “im Juni 2009 haben Bund und Länder beschlossen, die Exzellenzinitiative über das Jahr 2012 hinaus für weitere 5 Jahre mit einem Gesamtfördervolumen von 2,7 Milliarden Euro fortzusetzen.” [ 13 ]

Diese Summen können sich sehen lassen, worauf das frisch-fröhliche Hauen und Stechen um die Verteilung beginnen kann. Man muss sich schon etwas “innovatives”, d.h. langweiliges, einfallen lassen und den Betrieb der Theorieproduktion aufrecht erhalten, um beim nächsten Mal, wenn der Staat seine Futtertröge für die akademischen Meinungsmacher füllt, nicht leer auszugehen. Die Frankfurter unter den bundesweiten Exzellenten sind dabei besonders einfalls- und erfolgreich, der genannte “Cluster” ist “mit seinen 180 Wissenschaftlern derzeit der größte Forscherverbund der Republik” [ 14 ] , was es ermöglicht, nebenbei “für rund 10,3 Millionen Euro […] auf dem Campus Westend der Goethe-Universität” einen “Forschungsbau für den Exzellenzcluster” [ 15 ] springen zu lassen. Ein Blick ich die fast unüberschaubaren Publikationslisten der verschiedenen “Forschungsfelder” des “Exzellenzclusters” Normative Orders sei hier als Beleg anempfohlen, zumal sie mit durchaus unterhaltsamen Titeln wie “Allheilmittel Expertenrat? Jede Stimme zählt.”, “Weiche Steuerung durch diskursive Praktiken.”, “Europa provinzialisieren? Ja, bitte! Aber wie?” oder “Grenzwächterinnen und Grenzüberschreiterinnen. Frauen im (post-)kolonialen Haushalt” aufwarten können. [ 16 ] Es zeigt sich einmal mehr: “In Berufsgruppen, die, wie das so heißt, geistige Arbeit verrichten, zugleich aber unselbständig und abhängig sind oder wirtschaftlich schwach, ist der Jargon Berufskrankheit. Bei solchen Gruppen tritt zur allgemein gesellschaftlichen eine spezifische Funktion hinzu. Ihre Bildung und ihr Bewußtsein hinken vielfach hinter jenem Geist her, mit dem sie nach gesellschaftlicher Arbeitsteilung befaßt sind. Durch den Jargon möchten sie den Abstand ausgleichen; ebenso als Teilhaber piekfeiner Kultur sich empfehlen […]”. [ 17 ]

In welcher Welt leben wir?”, fragt man sich dann nicht nur auf Frankfurter Podien. “Die weltweiten Auswirkungen der Finanzkrise stellen längst auch die Frage nach unserem Verständnis von Demokratie und inwiefern die normativen Ordnungen der Gesellschaft von uns gemacht werden”, in Frage. Es ist zum Verzweifeln, wie lässt sich “darauf politisch überhaupt noch Einfluss nehmen?” [ 18 ] Da man sich als Kopfarbeiter von den praktischen Grundlagen der Welt getrennt sieht, das entsprechend der “gesellschaftlichen Arbeitsteilung” auch realiter ist, muss nun eben zwischen sich und der Wirklichkeit ganz viel “vermittelt” werden, wie es dann immer so schön heißt. Immerhin der Versuch gelungener Vermittlung, bemüht um die Reflexion dieser “Trennung”, wäre das Eine, wissenschaftlicher Betrieb ist das Andere. In ihm zeigt sich unter umgekehrten Vorzeichen der Praxiswahn nicht nur jener Linken, denen es immer “Ums Ganze” geht. Jene erfahren die Krise von “Praxis” in der Gestalt, dass sie nicht recht wissen, was sie tun sollen, diese müssen erst noch lernen, ihre revoluzzerhaften Allüren akademisch abzumildern, um dann in wenigen Jahren vielleicht selbst ein Pöstchen in diesem oder jenem Existenzcluster zu erlangen. Wichtig ist, was hinten raus kommt und das ist: wenig Wahrheits-, viel Geltungsbedürfnis.

Dabei hat man sich doch im Studium auch mal mit kritischer Theorie beschäftigt, sieht sich vielleicht sogar in deren Tradition und müsste also, hätte man eben jene kritische Theorie nicht schon teilweise erfolgreich akademisch integriert – und damit: anästhesiert [ 19 ] – wissen: Im Unterschied zu eben kritischer Theorie steht bei unkritischer, traditioneller Theorie “auf der einen Seite das gedanklich formulierte Wissen, auf der anderen Seite ein Sachverhalt, der unter es befaßt werden soll, und dieses Subsumieren, dieses Herstellen der Beziehung zwischen der [...] Konstatierung des Sachverhalts und der begrifflichen Struktur unseres Wissens heißt seine theoretische Erklärung” [ 20 ] . Dieses Modell der Erkenntnis ist dem der Naturwissenschaften nachgebildet, soziale Verhältnisse und Prozesse werden mit einem den positiven Wissenschaften ebenso entlehnten Begriffsinstrumentarium gleich toter Natur zu beherrschen versucht. [ 21 ] Der Zwang des Kapitals, sich fortwährend zu reproduzieren und sich immer neue Bereiche zum Zwecke seiner eigenen Verwertung einzuverleiben, findet seine Entsprechung in der akademischen Forschung. Nur ist es in der postbürgerlichen Gesellschaft leider so, dass die Expansion des Kapitals durch Unterminierung seiner eigenen Verwertungsgrundlagen beständig und immer öfter an Grenzen gerät. Was nicht heißt, dass damit demnächst der finale Crash bevorsteht, wie besonders kritische Krisentheoretiker nicht müde werden zu betonen, sondern erstmal nur, dass immer abstrusere Anstrengungen unternommen werden, den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten, obwohl doch allen klar ist, dass es sich größtenteils um nur fiktives Wachstum handelt. Im Resultat meint man auf akademischer Seite dem jetzt aber wirklich letzten “Gottesteilchen” “dicht auf der Spur” (Spiegel Online) [ 22 ] zu sein, sucht in Hirnwindungen nach der Vernunft [ 23 ] oder gründet Ämter zur “Umbruchsbewältigung”. Ließ sich (Geistes)Wissenschaft noch nie unabhängig ihrer gesellschaftlichen Grundlagen denken, übte sie zu ihren Hochzeiten dennoch “eine positive gesellschaftliche Funktion” (Horkheimer) aus, wirkte aufklärerisch. Das führte u.a. zu philosophischen Systemen, die das Individuum gegen die Gesellschaft zu stärken vermochten und somit über sie hinaus wiesen. Heutzutage aber müssen sich, hat die entsprechende Gesellschaft doch jeden historischen Gebrauchswert eingebüßt, ihre Bemühungen ebenso skurril wie eben die Fortexistenz der falschen Gesellschaft gestalten. Entsprechend dem Kapital, welches ständig gezwungen ist, seine materiellen (Re-)Produktionsbedingungen umzuwälzen, erfordert die geistige Verdopplung der kapitalen Gesellschaft ebenfalls Neuentdeckungen, bzw. Umstrukturierungen vorhandener Kenntnisse, die dann als Neuerungen angepriesen werden: “Es besteht kein Zweifel, daß solche [wissenschaftliche] Arbeit ein Moment der fortwährenden Umwälzung und Entwicklung der materiellen Grundlagen dieser Gesellschaft darstellt.” [ 24 ] Wie dem Falsifikationismus Poppers ist es dem postmodernen Akademismus zwar möglich, Theorien zu widerlegen und zu ersetzen, “aber so sehr [er] solch[e] Theorierevolutionen als rationalen Erkenntnisfortschritt schätzt, so wenig ist es [ihm] möglich, dieses Prinzip auch auf das gesellschaftliche System selbst anzuwenden, die Möglichkeit seiner »Falsifikation« durch seine zerstörerischen Folgen einzuräumen, und es als »rationalen Fortschritt anzusehen, über es hinauszukommen. Während auf der Ebene der Theorie, die die Erkenntnismittel zur Naturbeherrschung auf stets höherer Stufenleiter zur Verfügung stellt, Revolutionen (progressive Paradigmenwechsel) durchaus erwünscht sind, ist die Möglichkeit der Umwälzung grundlegender gesellschaftlicher Verhältnisse von vornherein schon als gedankliche Möglichkeit ausgeschlossen”. [ 25 ] Daher sind in den Frankfurter Veranstaltungen und den entsprechenden Exzellenzclustern Fragen zur grundlegenden, falschen gesellschaftlichen Normative Order, tabu.

Damit ist Theorie unkritisch, also affirmativ, der Anpassung ans Gegebene dienlich, weshalb auch die diversen “Umbrüche” permanent “bewältigt” werden müssen, anstatt sie der Reflexion und gegebenenfalls der Kritik zuzuführen. Das würde nämlich dem Wortsinn entsprechend bedeuten zu unterscheiden, begrifflich zu unterscheiden auf Ebene der Erscheinungen vor dem Hintergrund des fortwesenden, von den Subjekten inaugurierten (Un)Wesens des falschen Ganzen, ohne dabei die gesellschaftliche Wirklichkeit in schroffen, unvermittelten Gegensatz zu den Subjekten zu bringen oder sie mit jener in eins fallen zu lassen. “Kritik ist in genauer Absetzung von Theorie zu allererst als Opposition gegen die Versuchungen der Denkform Theorie zu bestimmen, deren schönste Verlockungen einmal das Eigentliche, das ,Ansich’ ist, und zum anderen das ,Für uns’.” [ 26 ] In der offiziösen geisteswissenschaftlichen Praxis und ihrer ideellen Gesamtdisziplin, der Soziologie, hingegen verfährt man schlechthin ideologisch, da sie sich von der “sozialphilosophischen wie gesellschaftstheoretischen Aufklärung unbewußter gesellschaftlicher Verhältnisse verabschiedet” [hat, D.G.] und den logos der societas zu einem Naturgesetz verdinglicht, auf dessen Grundlage gesellschaftliche Probleme sozialtechnisch beherrschbar erscheinen […]”. “Die Soziologie liefert technisch verwertbares Wissen; ihr Ziel ist die wissenschaftliche Beratung der Politik.” [ 27 ]

Der Text wird in leicht veränderter Fassung inPòlemos. Zeitschrift der AG Kritische Theorie Nr. 5 erscheinen. Siehe: http://kritischetheorie.wordpr ess.com

Anmerkungen

[ 1 ] “Das “Amt für Umbruchsbewältigung” ist, man ahnt es vielleicht, keine neue städtische Institution, sondern es gehört zum wissenschaftlichen Rahmenprogramm der Ausstellung “Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen”, die vom Exzellenzcluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” an der Goethe-Universität und dem Frankfurter Kunstverein organisiert wird. Das interdisziplinäre Ausstellungsprojekt umfasst 40 internationale künstlerische Positionen und ist vom 20. Januar bis zum 25. März im Frankfurter Kunstverein zu sehen.” http://www.normativeorders.net/media/downloads/ein%20neue s%20amt%20fr%20frankfurt.pdf

[ 2 ] Zitate: http://www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/alleveranstaltunge n/1040

[ 3 ] Schließlich stellt sich angesichts der “Umbrüche” auch die Frage, “Wohin mit dem Protest? Demokratische Umbrüche aus globaler Perspektive”, Titel eines Diskussionsveranstaltung. (http://www.normativeorders.net/de/veranstaltun gen/alleveranstaltungen/1063-29-januar-2012-19-uhr) Auch eine “Lange Nacht des Protestsongs” wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe geboten, auf der man es fertig brachte, sich in zweistündigem “pop-diskursivem” Geschwätz zu ergehen, ohne auch nur das Geringste auszusagen. Alles lief auf die Frage hinaus; Ist zuerst der Protest oder der Protestsong da und Voraussetzung des anderen? (http://www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/alleveranstaltunge n/1057).

[ 4 ] http://www.normativeorders.net/media/downloads/ein%20neue s%20amt%20fr%20frankfurt.pdf

[ 5 ] Das ist freilich schwer genug, bekommt man z.B. in einem Gespräch zu dem Thema “Bundeswehr im Auslandseinsatz. Wofür sterben deutsche Soldaten?” ein Bild mit einem von einer Bundesflagge bedeckten Sarg gezeigt und soll dann beantworten: “Was macht das Bild mit Ihnen?”. Oder wenn der gewiefte Experte für Menschenrecht das Bild eines Kyros-Edikts vorlegt und behauptet, dies sei die erste allgemeine Erklärung der Menschenrechte und dessen Besitz durch ein Londoner Museum deute darauf, dass “England die Entstehung der Zivilisation für sich beansprucht”. Neben diesem Quatsch förderte schon eine erste flüchtige Internet-Recherche zu Tage, dass es auch mit dem Edikt selbst so seine Schwierigkeiten gibt und der Experte u.a. dem Schwindel iranischer Propaganda (noch unter Schah Pahlavi) aufgesessen ist. Was es damit auf sich hat: http://www.spieg el.de/spiegel/0,1518,564395,00.html

[ 6 ] Vielleicht hätten diese auch die Veranstaltung “Die neue Klassenfrage. Strategien gegen Bildungsarmut: Schulsystem und soziale Blockaden” im Jahr 2010 besuchen sollen. http://www.normativeorders.net/de/veranstaltung en/reihe-gerechtigkeit/590-die-neue-klassenfrage

[ 7 ] http://webapp5.rrz.uni-hamburg.de/fsr-db/Texte/Stapelfeldt%20 -%20Kritik%20der%20neoliberalen%20Zerst%C3%B6rung%20der%20Universit%C3%A4t% 20%2824.11.09%29.pdf

[ 8 ] Ebd.

[ 9 ] http://www.normativeorders.net

[ 10 ] http://www.norm ativeorders.net/de/forschung/programm

[ 11 ] “Das Grundgesetz weiß, daß es den Massenmord zu seiner historischen wie logischen Voraussetzung hat, und es freut sich darüber, indem es seinen Ursprung beschweigt: Auschwitz ist die Gründungsurkunde, Hitler der Stifter der nun zwangsparlamentarisierten Volksgemeinschaft.” Initiative Sozialistisches Forum (2009): Der Staat des Grundgesetzes. In: http: //www.ca-ira.net/isf/beitraege/isf-staat.grundgesetz.html.

Und nicht, dass nicht auch eine allgemeinere Demokratie-Kritik ihre gewisse Berechtigung hätte, ohne dabei in ein nivellierendes Lamentieren über Staat, Kapital, Nation und Scheiße zu verfallen. Aber das ist ein anderes Thema.

[ 12 ] http://www.bmbf.de/de/1321.php

[ 13 ] http://www.dfg.de/foerderung/programme/exzellenz initiative/allgemeine_informationen/index.html

[ 14 ] http://www.zeit.d e/2012/05/Frankfurter-Kunstverein

[ 15 ] http://www.normativeorders.net/de/presse/medienech o/562-neues-haus-fuer-normative-ordnungen-

[ 16 ] http://www.normativeord ers.net/publikationen

[ 17 ] Adorno, Theodor W. (1964): Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie. Frankfurt. S. 18

[ 18 ] http://www.normativeorders.net/de/veranstaltungen/alleveranstaltunge n/1052

[ 19 ] Siehe u.a. dazu am Beispiel Adornos auch: Gerber, Jan (2012): Kunst, Recycling, Entsorgung. Mit Benjamin gegen Adorno. In: Bahamas Nr. 63/2012: S. 51-54.

[ 20 ] Horkheimer, Max (1937): Traditionelle und kritische Theorie. S. 142

[ 21 ] Auch wenn stellenweise versucht wird, sich durch sich kritisch gebenden Jargon das Gegenteil einzureden.

[ 22 ] http: //www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,803420,00.html

[ 23 ] Siehe dazu auch: Landmann, Rudi: Die Naturalisierung der Vernunft. Neurowissenschaft und evolutionärer Humanismus: Theorien der Demut im Spätkapitalismus. In: Polemos Nr. 4/2011: S. 1-7

[ 24 ] Horkheimer, Max (1937): Traditionelle und kritische Theorie. S. 143

[ 25 ] Gess, Heinz (2005): http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/traditionelle_kritische .pdf

[ 26 ] Initiative Sozialistisches Forum (2000): Der Theoretiker ist der Wert. Eine ideologiekritische Skizze der Wert- und Krisentheorie der Krisis-Gruppe. Freiburg. S. 32

[ 27 ] Vgl. dazu sehr ausführlich: Stapelfeldt, Gerhard (2005): Zur deutschen Ideologie. Soziologische Theorie und gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Münster. S. 9ff.

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